03.05.10 15:22 Alter: 124 days

Aufbau in Afghanistan

Kategorie: Childaid Network, Königsteiner Salon, Medienbericht

VON: CHRISTINE GENSRICH

Die TZ berichtet über den Afghanistanabend des Königsteiner Salons vom 29. 4.

Hochkarätige Afghanistan-Spezialisten beim Königsteiner Salon: GTZ-Geschäftsführer Dr. Hans-Joachim Preuß, Botschafter Abed Nadjib, der frühere Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei (Grüne) und Fotografin Ursula Meissner.

Königstein. Noch am Nachmittag hatte Dr. Hans-Joachim Preuß einen Kollegen in einem Frankfurter Krankenhaus besucht. «Er wurde vor vier Wochen in Afghanistan angeschossen, auf einer Baustelle, durch den Hals», berichtet der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). «Aber er hat zu mir gesagt, wir müssen weitermachen.» Die GTZ mit Sitz in Eschborn ist in Sachen zivile Afghanistan-Hilfe der wichtigste Partner der Bundesregierung. Am Donnerstagabend sprach Preuß beim Entwicklungshilfe-Netzwerk Königsteiner Salon über das Land am Hindukusch. Der Titel seines Vortrags: «Entwicklungshilfe im Spannungsfeld zwischen Nothilfe und nachhaltiger Strukturveränderung.» An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen zudem der afghanische Botschafter Abed Nadjib, der frühere Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei (Grüne) und die Fotografin Ursula Meissner teil.

Zuvor hatte Dr. Martin Kasper, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Königsteiner Salons und des damit verbundenen Kinderhilfswerks Childaid Network, von der über 100 Jahre alten Freundschaft zwischen Afghanistan und Deutschland berichtet. Als er sein Hilfswerk vor fünf Jahren gegründet habe, sei zunächst Bildung für Kinder in Afghanistan sein Ziel gewesen. Die Suche nach verlässlichen und korruptionsfreien Partnern in dem Land sei aber gescheitert. So arbeitet Childaid Network derzeit in einer anderen Region, die ähnlich arm, aber weniger schwierig ist: Nordostindien.

Trotzdem: Dem angeschossenen GTZ-Mitarbeiter haben Afghanen nach dem Angriff geholfen – und das Ortungssystem GPS. «Damit können wir jederzeit erkennen, wo unsere Fahrzeuge gerade sind», erklärt Preuß. Und so konnte der Verletzte von afghanischen und amerikanischen Sicherheitskräften schnell ins nächste Provinz-Krankenhaus gebracht werden. «Unsere Fachkräfte absolvieren ein Sicherheitstraining bei der Bundeswehr, bevor sie nach Afghanistan entsandt werden», berichtet Preuß. Im Land selbst müssen sie Vorsichtsmaßnahmen beachten: Keine regelmäßigen Fahrten, nie die gleichen Routen wählen und Fahrten nie vorher ankündigen. «Unsere Gebäude haben Mauern, die dem Explosionsdruck von Bomben standhalten und unsere Fahrzeuge sind gepanzert.» Trotzdem habe die GTZ an drei Standorten alle Aktivitäten gestoppt, darunter in Kundus. Wegen Drohungen gegen Hilfsorganisationen.

Guerilla-Kriegsgebiet

Andererseits: Nachtwei, der als Mitglied im Verteidigungsausschuss mehrfach nach Afghanistan gereist ist, betonte: «Kundus ist Guerilla-Kriegsgebiet. Unsicher sind nur 8 von 123 Distrikten.» Und der afghanische Botschafter sagte: «Wir wurden von 1994 bis 2001 in unserem Bürgerkrieg allein gelassen. Hätte man uns nach dem Abzug der Sowjets nur ein Viertel von der Hilfe gegeben, die wir jetzt bekommen, hätten sich nicht so viele Brutstätten des Terrorismus bilden können.» Und er fügte hinzu, ein friedliches Miteinander mit den Taliban sei nur möglich, wenn diese die Verfassung Afghanistans und die Menschenrechte akzeptierten. Laut dieser Verfassung sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Nach der Äußerung des afghanischen Staatspräsidenten Hamid Karzai gefragt, der die westlichen Soldaten als Eindringlinge tituliert hatte, erklärte der Diplomat: «Das hat er nicht so gemeint.»

Preuß wiederum betonte: «Für Afghanistan gibt es nur eine politische Lösung.» Der militärische Einsatz diene dazu, für die politische Lösung Zeit zu gewinnen. Entscheidend sei, dass die afghanische Regierung so bald wie möglich die volle Verantwortung übernehme. Dazu gehöre der Aufbau einer Anti-Korruptions-Behörde und die Stabilisierung des Verhältnisses mit den Nachbarländern. Er fürchte jedoch das Jahr 2013, wenn das Portfolio für die Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan zurückgefahren werden solle.

Gleichberechtigung

Die Fotografin Ursula Meissner, die schon etliche Male mit ihrer Kamera in Afghanistan unterwegs war – ohne Kopftuch, wie sie sagte – berichtete von Nachbarschaftsschulen für Frauen, von denen die Männer nichts wüssten. Der Weg zur gelebten Gleichberechtigung ist offenbar noch lang. Und die Sache mit dem Mohn-Anbau? «Der Norden ist so gut wie Mohn-frei», erklärte Nachtwei, das liege aber vor allem daran, dass der Preis für Opium und Heroin gesunken und der Preis für Weizen gestiegen sei.