Straßenkinder ans Trapez
Kategorie: Childaid Network, MedienberichtVON: CHRISTIANE GENSRICH
Zirkus-Pädagogik: Das Kinderhilfswerk Childaid Network hat eine Artisten-Gruppe nach Nordostindien geschickt. Der Königsteiner Stephan Braubach hat ein Artisten-Trainer-Team in ein Straßenkinderheim in Guwahati, die Hauptstadt von Assam (Indien), begleitet. Und die Kinder leisteten Erstaunliches

Königstein/Guwahati. Der 18 Jahre alte Suresh hat nur noch einen Arm. Den anderen hat er bei einer Schießerei verloren. Der junge Inder lebt seit einigen Jahren in einem Heim für Straßenkinder in Guwahati, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Assam. Und er hat den Königsteiner Stephan Braubach (20) schwer beeindruckt. Denn der war jetzt im Auftrag des Königsteiner Kinderhilfswerks Childaid Network zwei Wochen lang in Sureshs Heim. Zusammen mit einer Gruppe junger deutscher Artisten, die dort 45 Straßenkinder und 10 Lehrer zu Akrobaten ausgebildet haben.
«Suresh wollte unbedingt Einrad fahren und er hat es geschafft», sagt Braubach und strahlt. Natürlich hat er ihn am Anfang festgehalten. Aber nach zwei Wochen war Suresh auf dem Rad so sicher, dass er zusammen mit den anderen indischen Nachwuchs-Akrobaten vor 2000 Zuschauern aufgetreten ist. Die Kinder zeigten auch Jonglage, Trapez-Nummern, Kunststücke an Seil und Klettertuch und ein bisschen Zauberei und Clownerie. «Der Anlass war die Jahres-Abschlussfeier einer großen Schule in Guwahati. Und die Zuschauer waren begeistert», berichtet der Königsteiner Dr. Martin Kasper, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Childaid Network. Er hat das Zirkus-Team in Indien besucht und die Vorstellung miterlebt.
5000 Fotos
Braubach absolviert bei dem Hilfswerk seit knapp einem Jahr ein Praktikum. Im Sommer hat er am Taunusgymnasium das Abitur gemacht, später will er Mediendesign und Kommunikation studieren. Und so hatte er in Guwahati den Auftrag, die Arbeit des Artisten-Teams für Childaid Network zu dokumentieren. Allein 5000 Fotos hat er gemacht.
Die jungen Künstler und Trainer vom Circus Waldoni aus Darmstadt unterdessen haben zwar schon 10 Jahre Zirkus-Erfahrung, aber sie sind noch Schüler und Studenten. Wie das kommt? «Wir haben in der vierten Klasse mit unserem Lehrer Hans-Günter Bartel und einem Zirkus-Pädagogen an der freien Waldorfschule Darmstadt angefangen zu trainieren», erzählt die Abiturientin Venja Krieg (20). «Das Ziel war, Selbstvertrauen, innere Balance, Vertrauen und Gemeinschaftssinn aufzubauen», sagt die gleichaltrige Veronika Gauder. Und das hat die sechsköpfige Waldoni-Truppe jetzt an die indischen Kinder weitergegeben. Zuvor haben die jungen Deutschen, außer Venja Krieg und Veronika Gauder sind das Lea Mäuer (20), Carola Kärcher (23), David Lanza (22) und Jan Litte (25), bereits in Deutschland mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen gearbeitet.
90 Kilo Übergepäck
Am 6. März ist Braubach mit zwei Artistinnen als Vorbereitungsteam nach Indien geflogen, am 10. März kamen die übrigen vier Waldonis nach. Im Gepäck hatten sie unter anderem sechs Einräder, 40 Bälle, 12 Keulen und 100 T-Shirts. «Insgesamt 90 Kilo Übergepäck», sagt Kasper. Glücklicherweise habe die Lufthansa den Transport gesponsert. Im Kinderheim in Guwahati ging das Training schon früh um 6 Uhr los, für die jungen Männer, die wie Suresh danach zur Arbeit mussten. Er ist in einer Behinderten-Werkstatt beschäftigt und verpackt dort Assam-Tee. Das Straßenkinderheim, in dem er wohnt, wird von den Salesianern, einem katholischen Männerorden, betrieben und von Childaid Network unterstützt. Insgesamt werden derzeit in Guwahati in mehreren Heimen der Salesianer rund 200 ehemalige Straßenkinder betreut. Viele von ihnen sind traumatisiert oder behindert.
Botschafter
«Das Wichtigste war, dass diese Kinder im Rampenlicht standen», sagt Kasper. «Und die jungen Deutschen sind jetzt Botschafter für sie geworden.» Denn eins ist klar: Die Inder waren so gastfreundlich und warmherzig, dass die deutsche Gruppe am liebsten gleich wieder nach Guwahati fliegen würde.
Das Königsteiner Hilfswerk richtet, außer der Straßenkinderhilfe, auch in benachteiligten Regionen Nordostindiens Schulen ein und will Förderprogramme für Behinderte und zur beruflichen Bildung weiter ausbauen.
Die Stiftung Childaid Network wurde von Kasper und seiner Frau Dr. Brigitta Cladders gegründet, um durch Bildung und strukturelle Förderung Kinderarmut zu bekämpfen. «Alle Spenden werden ohne Abzüge an die Projekte weitergeleitet», betont Kasper. Das Spendenkonto von Childaid Network hat die Nummer 3 75 50 55 bei der Commerzbank Frankfurt, Bankleitzahl 500 400 00.


