Hartes Leben im tropischen Paradies
Kategorie: Childaid Network, MedienberichtVON: TAUNUSZEITUNG, CHRISTIANE GENSRICH
Das Königsteiner Kinderhilfswerk Childaid Network unterstützt Straßenkinder-Heime und Alphabetisierungsprojekte in Nordostindien. TZ-Redakteurin Christiane Gensrich hat den Stiftungsgründer Dr. Martin Kasper in die Bundesstaaten Assam, Nagaland und Manipur begleitet.
Königstein/Imphal. Der junge Mann trägt einen roséfarbenen Turban auf dem Kopf und in den Händen Schwert und Schild. Er gehört zum Naga-Stamm der Maring und lebt in einem Bergdorf im nordostindischen Bundesstaat Manipur. Er beherrscht die traditionelle Kampfkunst. Aber lesen und schreiben kann er nicht, so wie die meisten aus seinem Dorf. Doch das soll nun anders werden. Der Königsteiner Stiftungsgründer Dr. Martin Kasper hat zusammen mit den Salesianern Don Boscos als Partner in Nordostindien ein Dorflehrerprogramm ins Leben gerufen.
Die katholischen Ordensleute leisten schon seit Jahrzehnten Entwicklungshilfe und Bildungsarbeit in ganz Indien, für Angehörige aller Konfessionen. Dr. Kaspers Kinderhilfswerk Childaid Network finanziert Dorflehrer und sammelt dafür Spenden.
Das Problem in den abgelegenen Siedlungen: In Indien gibt es zwar seit den 1950er Jahren eine Schulpflicht. Und in den Dörfern stehen auch Schulen. Nur viele der staatlichen Lehrer lassen sich dort kaum blicken. „Sie beziehen ihr Gehalt vom Staat und bleiben die meiste Zeit in der Stadt. In das Dorf, in dem ihre Schule steht, kommen sie nur ein oder zwei Mal im Jahr", berichtet der Salesianer-Pater George Menamparampil, der von der Hauptstadt Imphal aus mehrere Bildungs- und Sozialprojekte in Manipur leitet. Die Alphabetisierungsrate der Gesamtbevölkerung liegt in dem Bundesstaat bei etwa 68 Prozent. In den Dörfern dagegen sind 90 Prozent der Bewohner Analphabeten. Jetzt springen die Salesianer mit Königsteiner Unterstützung da ein, wo das staatliche Bildungssystem versagt hat. Von ihnen ausgebildete Dorflehrer bringen den jungen Leuten nach der Schulpflicht Lesen, Schreiben und Rechnen bei, in ihrer Regional-Sprache und in Englisch. 13- bis 20-Jährige sind die Zielgruppe. Allerdings ist Überzeugungsarbeit nötig, bevor die Salesianer eine Dorfschule einrichten dürfen. Nicht nur die Dorfältesten müssen einverstanden sein, sondern auch die militanten Gruppen, die die Dörfer kontrollieren. Manche von ihnen kämpfen um Unabhängigkeit, andere bekämpfen sich gegenseitig. Das Gebiet ist unsicher, vor allem nachts. Manche Gruppen schrecken weder vor Entführungen mit Lösegeldforderungen noch vor Mord zurück. „Vor zwei Jahren wurde ein acht Jahre altes Schulmädchen entführt und trotz Lösegeldzahlung getötet", berichtet Pater George. „Erst vor wenigen Wochen ist eine junge Frau in ihrem Büro erschossen worden."
Im Maring-Dorf Sandang Shenba merkt man von alledem nichts. Die Bewohner begrüßen ihre Gäste herzlich. Der junge Mann mit dem Turban und zwei weitere, die ebenso gekleidet sind wie er, führen zu Trommelklängen einen traditionellen Schwerter-Tanz vor. Und Romeo, der junge neue Lehrer, geleitet die Besucher durchs Dorf. Da sitzen Frauen an Webstühlen und stellen herrliche Schals und Umhänge in den Stammesfarben her.
In der neuen Schule drängen sich 30 junge Leute und singen für den Königsteiner. Eine Schülerin hat ihr Baby mitgebracht. Eine andere junge Frau ist erkennbar unterernährt. Denn auch wenn das Dorf mit den Bambusgeflecht-Häusern, den üppigen Bananenstauden, den Pampelmusenbäumen und den Chili-Sträuchern anmutet, wie ein tropisches Paradies, ist das Leben hart, und die Nahrung wird
regelmäßig knapp. Die Dorfbewohner leben vor allem von selbst angebautem Reis und Getreide. Und wenn nicht genug da ist, bekommen zuerst die Männer zu essen, dann die Jungen und später die Frauen. Ganz zum Schluss essen die Mädchen, was übrig bleibt. Wasser muss vom Brunnen oder aus einem Bach geholt werden. Gekocht wird über offenen Feuerstellen. Gepflügt wird von Hand oder mit Ochsengespann.
Das größte Problem in den Dörfern aber ist die medizinische Versorgung. Die Kindersterblichkeit liegt bei 40 Prozent. Pater Tony Pellissery, der im Nachbarstaat Nagaland arbeitet, schildert: „Viele Eltern können es sich nicht leisten, einen Tag lang nicht zu arbeiten, auch wenn ein Kind krank ist." Sie bringen ihre Kinder zu spät oder überhaupt nicht ins Krankenhaus und nehmen in Kauf, dass das Kind stirbt, während sie bei der Feldarbeit sind. So sterben die Kinder an Malaria, Gelbsucht und an Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser ausgelöst w
„Die Dorflehrer, die mit Hilfe von Childaid Network in die Dörfer kommen, sollen nicht nur für Bildung sorgen, sondern ihren Schülern auch Grundkenntnisse in Hygiene und verbesserten landwirtschaftlichen Anbaumethoden vermitteln", betont Dr. Kasper. 70 Dorflehrer hat Childaid Network zusammen mit den Salesianern schon in Dorfschulen in Nordostindien geschickt. Nicht nur in Manipur, sondern auch in Nagaland und Assam. 100 weitere Dorflehrer sollen folgen.
Wer die Initiative unterstützen möchte, kann auf eines der folgenden Konten spenden: Nummer 3 75 50 55 bei der Commerzbank Frankfurt, Bankleitzahl 500 400 00. Und Nummer 70 80 90 bei der DZ Bank Frankfurt, Bankleitzahl 500 604 00. Kontakt: Dr. Martin Kasper, Telefon (0 61 74) 2 59 79 39, Fax 2 59 79 40, E-Mail info@childaid.net, Internet childaid.net. Spenden gehen zu 100 Prozent an die Projekte. Die Verwaltungsarbeit erfolgt ehrenamtlich. Spendenbescheinigungen werden ausgestellt.
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